Vor 30 Jahren wurde mein Großvater in Dresden von der Volkspolizei verhaftet. Weil er auf einer der Montagsdemos anwesend war. Da war die Frauenkirche noch eine verkohlte Ruine in der Altstadt, ein stummes, schwarzes Mahnmal gegen Krieg und Vernichtung. Ich fand sie als Kind immer bedrohlich und faszinierend zugleich. Als er mir die Geschichte erzählte, grinste er schelmisch und sagte nicht ganz ohne Stolz “Auch da war ich dabei!”. Ich muss lachen. Ach, Opa. Den Schnaps würd ich gern mit dir teilen.

Mehr als 30 Jahre später, am 1. Mai, sitze ich, friedlich, schweigsam, meditierend, vor der wieder aufgebauten Dresdner Frauenkirche, heute ein globales Symbol für den Frieden. Ich sitze keine 2 Minuten auf meiner weißen Decke, als sich zwei Polizisten, beide gut zwei Köpfe größer als ich, in voller Kampfmontur vor mir aufbauen und meine Personalien aufnehmen wollen. Warum, will ich wissen, ich sitze hier ja einfach nur ganz allein auf meiner Decke. Unterm Luther. Im Lotussitz. Mehr als zwei Meter Abstand zum Nachbarn und ansonsten noch ziemlich allein auf weiter Flur. Noch mehr als eine Stunde bis zum Beginn der geplanten, angemeldeten und genehmigten Versammlung, zwecks Grundgesetzkundgebung.

Ah, das ist es. Der eine nickt in Richtung meiner Lektüre – vor mir liegt das Grundgesetz. Ein kleines, weißes Büchlein. Zeit meins Lebens mehr oder weniger bedeutungslos (was man hat, ist eben selbstverständlich), und heute ein Grund, meine Personalien aufzunehmen.

“Weil die Stadt und der Polizeipräsident das wissen müssen.”  Aha. Warum müssen die das denn wissen? Wenn ich auf der Elbwiese auf der gleichen Decke liege, interessiert die das ja auch nicht. Die müssen das eben einfach wissen.

Die Banane, die ist krumm.

“Dienstaufsichtsbeschwerde” klingelt durch meinen Kopf, aber ich bin zu aufgeregt. Für einen hochsensiblen Sozialphobiker wie mich gehören solche Situationen normalerweise in die Kategorie “unbedingt vermeiden”. Aber ich bin eben auch ein Kind meiner Ahnen. Also, auch hier bin ich dabei.

Ich geb ihm meinen Nachnamen und Geburtsdatum. Warum auch nicht. Ich tu ja keinem was und hab das auch nicht vor. Ich zahle pünktlich Steuern und bin auch ansonsten ein unbescholtenes Bürgerblatt. Mit derzeit aufmüpfigen Gedanken, aber die sind ja zum Glück noch frei. Als sie gehen, fällt mir ein Stein vom Herzen. Passanten um mich rum, die ratlos mit den Köpfen schütteln, einige stellen die gleiche Frage. Keine Antwort hinterm Mundschutz. Eine Frau lächelt mich an und sagt “Die wollen uns nur einschüchtern.” Das scheint mir auch so. Ich bin ihr unglaublich dankbar für ihre Menschlichkeit und Empathie. Mich stresst das alles unglaublich, aber ich kann nicht anders.

Ich bin fast 39, in der DDR noch zur Schule gegangen, bis wir endlich ausreisen durften, und war alt genug um heute noch zu wissen, wie bedrohlich sich die Staatsmacht anfühlen kann, wenn sie dir den Weg verstellt und dich ausfragt, als würdest du was im Schilde führen. Meine Familie hat nie was im Schilde geführt, außer den unbändigen Drang nach Freiheit zu verspüren und diesem nachzugehen. Dafür gab es Repressalien, Schlimmeres und Berge von Stasi-Akten.

Ich habe das immer noch in den Knochen stecken. Die Angst, die Aufregung, selbst eine routinemäßige Verkehrskontrolle ist für mich ein Horror aus 180er Pulsschlag und nassen Achseln. Das steckt einfach drin.

Was soll’s, dachte ich, soll er meinen Namen aufnehmen, ich hatte mit zwei Jahren schon nen Vermerk beim MfS. Damals trug ich ein Blümchenkleid, steht in dem Vermerk. Ich atme durch die Angst und erinnere mich selbst daran, wieso ich hier bin. Die Polizei ist nicht mein Feind. Ich will einfach nur ein Statement setzen. Zeigen, dass das Volk eine Stimme hat. Eine Stimme, die angehört werden muss, auch wenn die Regierung gerade alles tut, um Menschen wie mich zu diffamieren, als Extremisten und Verschwörungstheoretiker. Weil wir unangenehme Fragen stellen und nicht alles kommentarlos hinnehmen, was man uns so vorsetzt. Weil wir gelernt haben, unseren Verstand zu benutzen, kritisch zu denken und uns nicht mit der erstbesten Erklärung zufrieden zu geben, wenn sich diese nicht als schlüssig erweist. Weil wir finden, dass hier was faule ist im Staate D. Wir wollen “keine alten Menschen umbringen” – wir wollen unsere Rechte zurück, die man uns allen unter unklaren Voraussetzungen weggenommen hat.

Ich bin ein Hippie, ich bin am liebsten im Wald und umarme Bäume. Ich rede mit Tieren. Ich bin sensibel und ich muss weinen, wenn ich Ungerechtigkeit und Leid sehe. Weil ich es fühlen kann. Ich bin so weit weg von Extremismus und Terror wie Pippi Langstrumpf von Angela Merkel.

Aber ich habe ein Revoluzzer-Herz. Das lässt mich aufstehen gegen Ungerechtigkeit, die mir wehtut. Die mich andere leiden sieht. Also bin ich heute hierher gestapft, mit meinem Grundgesetz und der weißen Decke.

Die Veranstaltung ist friedlich. Viel bekomme ich von ihr nicht mit, da uns die Polizei noch vor Beginn an den äußersten Rand des Neumarktes verfrachtet hat, weg von der zentralen Kundgebung, die aus nicht mehr als 15 Personen bestehen darf. Nicht auch noch mehr von denen daneben. Aha, wohl zu viel Aufmerksamkeit. Die wir dennoch bekommen, denn es gibt auch genug Spaziergänger. Alle wohlmeinend, zustimmend, manche geben uns anerkennend Applaus. Jede und jeder, die heute hier sind, dürfen sich auf die Schulter klopfen für ihren Mut, ein friedliches Statement abzugeben.

Dem gegenüber ein Polizeiaufgebot, als würde Dynamo gegen St. Pauli spielen. Bisschen übertrieben, denke ich, für so ein paar Meditierende und Herumstehende mit Blumen am Revers. Ein paar wütende “Wir sind das Volk” Rufe sind dann auch schon alles an Aggressionspotential. Ansonsten ziemlich viel Ruhe, Respekt und ab und an Applaus. Viel Lachen, der Sachse an sich hat ja schon auch Humor, wenn er will. Angesichts von Absurditäten erst recht. Dazwischen sichtlich angespannte Polizei.

Kurz nach Ende der offiziellen Kundgebung fordert man uns auf, den Platz zu verlassen. Wieder die Frage, wieso. Alle Regeln werden eingehalten. Kann man uns nicht begründen, außer dass das jetzt eben so ist. Aha. Die Banane, die bleibt krumm, und damit Schluss.

Schnell ist mir klar – es geht hier nicht darum, Hygiene-Vorschriften zugunsten der Gesundheit zu wahren. Es geht auch nicht um Gefahrenabwehr von potentiellen Unruhestiftern. Wenn man Menschen, die sich ganz klar an die Vorgaben halten, friedlich, schweigend, ab und an mal mit einem Passanten redend, davon abhält, auf einem öffentlichen Platz auf einer Decke zu sitzen, im Abstand von 2 Metern und mehr voneinander, dann geht es darum, Volkes Stimme stummzuschalten.

Jeder, der immer noch glaubt, dass in diesem Staat alles nach Recht und Gesetz und völlig normal zugeht, darf sich das noch einmal auf der Zunge zergehen lassen. Es geht darum, uns stumm zu machen. Es geht nicht um Gesundheit. Es geht darum, jegliche Art von Opposition, und sei sie noch so friedlich und vorschriftsmäßig, aus dem Weg zu räumen. Die Ratlosigkeit in den Augen vieler Polizisten und das dennoch rigorose Durchsetzen der Befehle von oben verursachen mir einen Kloß im Bauch und treiben mir die Tränen in die Augen. Schnell runterschlucken. Würde bewahren.

Wesentliche Grundrechte sind außer Kraft gesetzt – angeblich temporär, aber der Staat hat nicht die Tendenz, einmal gewonnene Sondermachtbefugnisse wieder herzugeben. Dafür reicht ein Blick in die Geschichte. Diese demokratisch gewählte Regierung handelt autokratisch, alternativlos, unter dem Deckmantel des Notstands (der nach wie vor mindestens diskutabel ist, da es kontroverse Bewertungen der Situation gibt). Sie versucht, die kritischen Stimmen mundtot zu machen, statt in den Dialog zu gehen. Das hat diktatorische Züge und ist der Demokratie und des Amtes, in das die Mitglieder dieser Regierung von ihrem Souverän, dem Volk, gewählt wurden, mehr als unwürdig. Wenn auch nichts neues. Wir sollten unsere demokratischen Mittel nutzen, solange es noch geht. Die Demokratie ist und war schon immer zerbrechlich, sie könnte schneller weg sein, als wir die ersten 20 Artikel des Grundgesetzes rezitieren können.

Als ich nach Hause gehe, brechen sich die Tränen Bahn. Anspannung, Ohnmacht, Wut. Ich heule selten in der Öffentlichkeit, zu viel Blöße, zu viel Verletzlichkeit. Heute ist mir das egal. Ich werde wieder hingehen. Und meditieren. Mit dem Grundgesetz. So lange, bis unsere Stimme – wieder einmal – nicht einfach ignoriert werden kann.

Vor ein paar Monaten haben wir meinen Opa beerdigt. Ich bin froh, dass er das, was hier seit ein paar Wochen in unserem Land passiert, nicht mehr miterleben muss. Ich bin froh, dass er hinter mir steht, wenn ich da auf meiner Decke sitze, und sich zwei mich weit überragende Polizisten in Kampfmontur vor mir aufbauen. Er und der Rest meiner Familie, sowie meine Freunde, die mir mental den Rücken stärken. Wir sind mehr. Wir haben Millionen Legionen hinter uns.

Wir sind das Volk.

“Mit dem Wissen aller Weisen dieser Welt beschütz’ ich dich

Wo ich bin stehen sie und wo ich geh’ geh’n sie

Ich hab’ sie hergebeten, doch die wenigsten sehen sie

Erst wenn wir erwachen werden wir zu Propheten

Um als Kinder dieser Erde unser Erbe anzutreten

Ich rufe alle Superhelden, alle großen Meister

Alle Highlander, alle Krieger, alle guten Geister

Alle Superfreaks und Auserwählten zu mir ins Hier

Ich hab’ Millionen Legionen hinter mir

Und ich ringe zum Himmel, dass die Stimmung hier umschwingt

Heb’ die Hände zu Gott, oder wer immer da rumhängt

Herrscher über mein Leben, dieser Thron gehört mir

Denn ich wohn’ und regier’ hier

Dieser Junge steht am Rand und mit nichts in der Hand

Ohne Angst in den Augen, mit dem Rücken zur Wand

Und dann ruft er alle Superhelden, alle großen Meister

Alle Highlander, alle Krieger, alle guten Geister

Alle Superfreaks, Auserwählten und er ruft mich

Und hat Millionen Legionen hinter sich”

– Die Fantastischen Vier, Millionen Legionen

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Author

Fighter for Freedom. Spiritual Seeker. Creator & Founder of FREE YOUR WORK. Business & Purpose Coach for meaningful work and wholehearted businesses. Outdoor Addict - nature is my home and happy place. Wild at heart and weird on top.