In den letzten Tagen schreibe und spreche ich in meinem Netzwerk und mit meinen Kunden vermehrt darüber, warum und wie sie den Ausnahmezustand gerade nutzen können, um die Fehler in ihrem Geschäftsmodell zu erkennen und zu beheben. Was ich im kleinen in meinem Arbeitsalltag beobachte, gilt auch für unser globales Gesamtsystem – uns werden gerade mit der Keule die Fehler in unseren Systemen aufgezeigt: Wirtschaft, Finanzen, Gesundheit, Gesellschaft, überall offenbart sich nun mit einem Schlag, was wir eigentlich schon seit Jahrzehnten wissen, aber nie wahrhaben wollten, geschweige denn behoben haben. Weil die Konsequenzen unseres globalen Handelns nie so akut gesundheitsbedrohend waren wie jetzt durch COVID-19.

Eines ist klar – was wir gerade tun, ist nur ein Schmerzmittel. Es behebt die Ursache des Problems nicht. Wir werden in Zukunft immer wieder mit ähnlichen Krisen konfrontiert werden – Pandemie, Wirtschaftskrise, Finanzcrash, daraus folgend gesellschaftliche Katastrophen – weil wir mit unserem globalen Agieren als Menschheit den Nährboden dafür gelegt haben. Weil wir in einem System leben, das nicht funktioniert. Wir ernten gerade das, was wir gesät haben.

Das tun wir im übrigen schon lange. Nur waren Konsequenzen von Klimakrise und Ökosystemvernichtung, Gesellschafts- und Arbeitswandel oder der drohende Finanzmarktcrash nicht akut bedrohlich genug für unser aller Leben, unabhängig von Status oder Vermögen, als dass wir global wirkliche Maßnahmen eingeleitet hätten. Ich bin teilweise wirklich beeindruckt, zu welchen spontanen Kraftaufwänden unsere Regierungen in der Lage sind, wenn unsere Gesundheit und unser Leben akut bedroht zu sein scheinen – und wie kurzsichtig und aktionistisch diese Maßnahmen dennoch teilweise sind.

Wir sind der Frosch im Wasserkocher, und dieser Tage wird uns endlich ganz schön heiß am Hintern. Wir wissen, wie krank unsere Systeme sind. Jetzt wird es uns unverleugbar mit aller Wucht vor den Latz geknallt. Werden wir die Gelegenheit nutzen und sie korrigieren, oder bewegen wir uns mit Scheuklappen weiter von Katastrophenmodus zu Katastrophenmodus, auf den wir Pflaster kleben, ohne die Ursache der Wunde zu beheben?

Ich bin ein Optimist, und ich habe gelernt, dass aus Krisen immer etwas Gutes wächst. In meinem kleinen Menschenleben, und in der großen Geschichte der Menschheit selbst. Ja, wir vernichten unseren Lebensraum, aber wir hatten auch noch nie so viele Möglichkeiten, kollektiv da raus zu kommen und uns zu einer gerechten, gesunden Wohlstandsgesellschaft zu entwickeln – wenn wir endlich erwachsen werden und jeder einzelne seine Verantwortung am großen Ganzen anerkennt und wahrnimmt.

Ich weiß aber auch, dass Transformationen immer mit Schmerz, Veränderung und Verlust einhergehen. Ich glaube, wir fangen gerade erst teilweise und langsam an zu begreifen, was hier passiert. Ich bin mir sicher, auch aus dieser Krise wird etwas Gutes entstehen – es liegt an uns, wie lange das dauert und wie schmerzhaft es für uns wird. Es ist Zeit für uns, wirklich im Verstandes-Zeitalter anzukommen, es ist Zeit für jeden einzelnen, Verantwortung zu übernehmen. Und es ist Zeit für unsere Führungspersönlichkeiten, uns dabei eine echte Hilfe zu sein.

Was wir brauchen, ist Weitsicht und Vernunft.

In dem, was ich dieser Tage so sehe in der Welt, meinem Land und meiner Stadt, sehe ich aber auch, wie unerwachsen wir als Menschheit immer noch sind in Bezug auf Vernunft, weitsichtige Planung, verantwortungsbewusstes, soziales Handeln.

Ausverkauftes Toilettenpapier, uneinsichtige Party People, autokratisch bis planlos agierende Politiker, Ausgangssperren, Ausgangsbeschränkung, Ausgehverbot, Kontaktverbot, was denn nun. Kleinstaaterei, Machtgerangel, vollmundige und dennoch schwer ernstzunehmende weil in der Praxis nur halbgar umgesetzte Versprechungen der Regierung. Übertriebene Panik und leichtsinnige Sorglosigkeit in der Bevölkerung. Chaos und die Ruhe vor dem Sturm.

All das sehe ich. Was ich nicht sehe, ist Weitsicht und Vernunft.

Ich frage mich in den letzten Tagen immer häufiger, ob wir eigentlich alle für die Politik nur ein Kollateralschaden sind. Die Restaurants und lokalen Geschäfte, die jetzt schon untergehen. Die Kleinbauern, Künstler, Solo-Selbständige, die in den letzten paar Tagen vor das drohende Aus ihrer Existenz katapultiert wurden. Selbst ich spüre den Verlust, obwohl ich ein Online Business habe, das von den Einschränkungen nicht direkt betroffen ist. Meine Kunden sind es aber zum Teil schon, und wenn sie es (noch) nicht sind, dann geht zumindest die Angst gerade um und lässt die Menschen in Schockstarre fallen (oder Klopapier hamstern).

Ob wir die Verluste der kommenden Wochen und Monate jemals werden ausgleichen können, ist mehr als fraglich. Darum brauchen wir auch keine Kredite. Wie hat Tim Mälzer es so schön formuliert? “Das Steak, was ich heute verkaufe, verkaufe ich übermorgen nicht zweimal.” Was wirklich helfen würde, wäre der zeitweise Erlass der Mehrwertsteuer, aber das scheint dann unserer Politik doch ein wenig progressiv.

Wir alle stellen uns auf magere Zeiten ein.

Solange ich irgendwie durchkomme, ist der Verlust kein Weltuntergang – verglichen mit den abertausenden Unternehmen des Mittelstandes, die um ihre und die Existenz ihrer Mitarbeiter bangen. Verglichen mit den Kassiererinnen, die sich anpöbeln lassen müssen, weil keine Nudeln mehr im Regal liegen. Verglichen mit den alten Menschen, die jetzt einsam und isoliert zu Hause sitzen und nicht mehr die Zuwendung und Pflege bekommen, die sie brauchen. Verglichen mit den Menschen mit Depressionen, den Suchtkranken, den psychisch Belasteten, die jetzt unter einem unvorstellbaren Leidensdruck stehen. Verglichen mit den Frauen und Kindern, die vermehrter psychischer und physischer Gewalt in einem Zuhause ausgesetzt sind, aus dem es zur Zeit kein Entkommen gibt. Verglichen mit den Öko-Landwirten und regionalen Erzeugern, denen das Leben ohnehin schon schwer gemacht wird von einer Landwirtschaftspolitik, die Profit und Kurzfristigkeit an erste Stelle stellt, nicht die nachhaltige Gesundheit von Mensch und Natur.

Und während all dieser kleinen und großen Tragödien setzt Bridgewater-Chef Dalio mal wieder auf Aktienverluste europäischer Unternehmen, um Milliardengewinne zu machen, und stehen sicherlich auch jetzt schon chinesische Konzerne in den Startlöchern, um schwächelnde europäische Unternehmen aufzukaufen – was in unserer profitgetriebenen Wirtschaft auch nur naheliegend ist. Sie können trotzdem Ärzte nach Italien schicken, das eine schließt das andere nicht aus.

All dies ist nur die Spitze des Eisberges. Die möglichen langfristigen Folgen für unsere Gesundheit, unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft sind alarmierend bis erschreckend.

Statt endlich die Geldflut einzudämmen und die Kreditspirale zu durchbrechen, von der vor allem ein völlig entfesseltes (“liberalisiertes”) Finanzsystem lebt, nimmt der Staat aktuell gezwungenermaßen noch mehr Schulden auf (bis zu 356 Milliarden Euro sind geplant), um eine selbstgemachte Wirtschaftskrise abzufangen. Was für ein Wahnsinn, man weiß gar nicht, ob man lachen oder heulen soll. Zumindest kann man sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass uns in nicht allzu ferner Zukunft die nächste Finanzkrise oder sogar der Kollaps eines anderen völlig kranken Systems ins Haus steht – welche Auswirkungen das auf unsere Gesellschaft hat, will ich mir momentan lieber nicht ausmalen.

All das als vorbeugende Maßnahme, um ein Gesundheitssystem vor der Überlastung zu schützen, das von einer Politik jahrzehntelang in die Krise gespart wurde, die jetzt im Schnellverfahren auf einmal Maßnahmen für die allgemeine Gesundheit ergreift, die notwendig zu sein scheinen. So viel entschiedener Handlungswille wäre vielleicht auch vorher, präventiv angeraten gewesen. Aber dazu hätte es mehr Weitblick und Langfristigkeit gebraucht, beides keine Prämissen von in Wahlperioden denkenden Politikern und Wählern, die über ihren eigenen Tellerrand nicht hinausschauen können oder wollen.

Rechtfertigen die Mittel den Nutzen?

Was ich mich frage, und was wir uns alle fragen sollten, was auch vor den beschlossenen Maßnahmen viel deutlicher öffentlich hätte gefragt werden müssen: Ist das wirklich die einzige Alternative? Ist das die beste Alternative? Rechtfertigen die Mittel den Nutzen?

Sind wir alle als Kollateralschaden zu verkraften?

Es gibt im globalen Getöse des politischen Aktionismus ein paar Stimmen, denen man vielleicht mal ernsthaft zuhören sollte.

Ich bin kein Mediziner, kein Virologe, kein Epidemiologe, kein Psychologe und kein Wirtschaftsexperte. Und ich möchte auch den Job unserer Regierungen gerade nicht machen müssen. In der Krise eine Führungsrolle innezuhaben, ist eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt. Jetzt zeigt sich, wie wenige wirklich die Kompetenz dafür haben.

Aber ich bin eine mündige Bürgerin eines freiheitlichen Landes und ein Mensch mit einem Verstand, ich bin in der Lage, in die Zukunft zu denken, ich habe freien Zugang zum Wissen dieser Welt, ich darf Kinder in die Welt setzen, ein Unternehmen betreiben, Auto fahren und wählen. Alles Dinge, bei denen ich auf meine Moral, meine Ethik und meinen Verstand angewiesen bin, und nach deren Grundsätzen ich handeln sollte. So wie wir alle. Jeder einzelne von uns. Jeden Tag.

Weitestgehende physische Distanz und massiv vermehrte Hygienemaßnahmen sind mit Sicherheit ein gutes Mittel gerade, um sich Zeit zu verschaffen, bis wir mehr Fakten haben und geeignete Maßnahmen installieren konnten. Ob das alles auf die richtige Art und Weise umgesetzt wird, darüber lässt sich streiten. Wir brauchen aber sehr schnell weitsichtige und vor allem langfristige Maßnahmen.

Was mich erschreckt, ist die diskussionslose Alternativlosigkeit in der Politik und ebenso in der Bevölkerung. Die allerwenigsten scheinen die Dinge zu hinterfragen oder Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen zu wollen. Lieber benehmen sie sich erst völlig asozial und unsolidarisch und schreien dann nach der starken Hand, die sie per Verbot in die Schranken weist.

Sind wir denn alle verrückt geworden frage ich mich dann. Wir demonstrieren gegen die Klimakrise und werfen unseren Vorgängergenerationen den Raubbau an der Zukunft unserer Kinder vor, und treffen uns dann zu fröhlichem Corona-Gesaufe im Park, weil das Wetter so schön ist und wir als Junge (wahrscheinlich) nicht an dem Virus sterben können?! Oder kaufen Klopapier- und Nudelvorräte für ein Jahr, obwohl nicht mal ansatzweise die Gefahr eines Lebensmittelengpasses droht?! Sind wir noch ganz dicht. Frage ich mich dann.

Wo ist ein laut hörbares wissenschaftliches, politisches, journalistisches und gesellschaftliches Gegengewicht zu dem seltsamen autokratischen Katastrophen-Konsens, der zu herrschen scheint?

Glaubt man den kritischen Gegenstimmen sind die Maßnahmen unserer Regierung unverhältnismäßig, und es besteht “kein Grund, das ganze Land in häusliche Quarantäne zu schicken” – zumal nicht einmal gesichert ist, ob diese Maßnahmen überhaupt etwas bringen, wenn sie nicht wenigstens über Monate oder sogar ein bis zwei Jahre durchgehalten werden würden. Dennoch scheint es nötig, ganze Länder einzusperren, weil die Menschen nicht in der Lage sind, aufeinander Rücksicht zu nehmen.

Und inwieweit kann man Statistiken und Hochrechnungen überhaupt vertrauen, wenn sie von Politik und Wirtschaft auch oft genug benutzt werden, um uns zu manipulieren, und diese von unseren Medien dann auch dankbar schlagzeilenreif ausgeschlachtet werden?

Schaut man sich die Saisonberichte zur Grippe des RKI an, müssten wir generell viel bessere Hygiene-Maßnahmen einführen, wie etwa das regelmäßige Reinigen von Einkaufswagengriffen, das Bereitstellen von Handdesinfektion an Supermarkteingängen, eine sehr viel bessere Hygiene in deutschen Arztpraxen, Krankenhäusern und im Alltag.

Am (oder mit dem, da sind sich die Wissenschaftler nach wie vor uneins) COVID-19 Virus sind Stand heute in Deutschland 433 Menschen gestorben. Und es werden sicher mehr werden. Aber wie sehen die Konsequenzen unseres heutigen Handelns in der Zukunft aus?

2018 gab es mehr als Tausend Drogentote in Deutschland. 74.000 Menschen sterben jährlich in Deutschland an den Folgen ihres Alkoholkonsums. 114.000 Frauen wurden 2018 Opfer häuslicher Gewalt (die Dunkelziffer dürfte sehr viel höher liegen, weil es oft im Verborgenen stattfindet), 122 wurden 2018 von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. 2017 starben in Deutschland 9.235 Menschen durch Suizid – im Schnitt über 25 Menschen pro Tag.

Psychologen warnen jetzt schon davor, welche psychischen und physischen Auswirkungen eine derartig praktizierte und aufgezwungene Isolation auf den Menschen und die Gesellschaft haben kann. Die Gefahr, dass die Sterberaten in diesen Bereichen durch die Konsequenzen der aktuellen Maßnahmen steigen, ist zumindest nicht von der Hand zu weisen. Ebenso wie die Gefahr für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Warum können wir uns als Einzelne nicht zusammenreißen, solange die Faktenlage so unklar ist, und warum denken die Menschen, denen wir die Führungsverantwortung übertragen haben, nicht einen Schritt weiter als übermorgen?

“In the literature of pestilence, the greatest threat isn’t the loss of human life but the loss of what makes us human.” – Jill Lepore, What our contagion fables are really about

“In der Seuchen-Literatur ist die größte Gefahr nicht der Verlust von Menschenleben, sondern der Verlust unserer Menschlichkeit.”

Sind wir alle als Kollateralschaden zu verkraften? Weil Politiker ein Gesundheitssystem vor der Überlastung schützen müssen, in dessen Krankenhäusern jährlich ungefähr 20.000 Menschen an Krankenhauskeimen sterben?

Ein Stück vor die Gegenwart denken.

Ich habe keine Ahnung, was in der momentanen Situation die beste Maßnahme zu einer Eindämmung der Pandemie ist. Ich stelle mir nur Fragen, die sich irgendwie nur sehr wenige andere Menschen zu stellen scheinen. Und ich glaube, das ist unser gesamtgesellschaftliches Problem – wir haben es uns bequem gemacht, und unsere Verantwortung an den Staat abgegeben. Die werden’s schon richten, was hab ich damit zu tun.

“Der Mensch glaubt, alles zu beherrschen – dabei kann er nicht einmal sich selbst beherrschen.” – aus Eine überschätzte Spezies, Doku ARTE

Ist die Menschheit tatsächlich einfach noch zu unerwachsen? Müssen wir noch ein paar Schleifen durch bereits gemachte Erfahrungen von Kollaps, Krieg und gesellschaftlichen Absturz drehen, damit wir es endlich lernen, damit wir mit Langfristigkeit und Weitsicht agieren, mit Rücksicht aufeinander und zum Wohle aller?

Wenn es um unsere Systeme geht, denken wir die Dinge seit jeher nicht konsequent in die Zukunft, damit wir dann, wenn es soweit ist, die richtigen Konzepte zur Verfügung haben. Wir agieren immer nur, wenn wir schon bis zu den Knien im Schlamassel stecken. Das ist beim Klimawandel so, bei allen großen Fragen der Gesellschaft und nun auch im akuten Fall der Epidemie. Auch jetzt scheinen die meisten Politiker eher vom nächsten Karriereschritt motiviert, statt vom Allgemeinwohl, für das sie eigentlich verantwortlich sind.

“Die Kunst besteht darin, Visionen zu haben, die ein Stück vor der Gegenwart stehen.”

Diese schöne und schlichte Aussage des Sozialwissenschaftlers Michael Opielka zum Grundeinkommen in einem Gespräch aus dem Jahr 2000 lässt sich auch für andere Herausforderungen unserer modernen Gesellschaft anwenden.

Irgendwie scheint dies im gesamtgesellschaftlichen Klima der Polemisierung und Simplifizierung immer weniger eine politische und gesellschaftliche Tugend zu sein. Umso mehr braucht es jeden einzelnen klugen Kopf unter uns Bürgern, um sich nachhaltig um eine gesunde Gestaltung unseres zukünftigen Zusammenlebens zu bemühen.

In der aktuellen Krise haben dieser Tage sogar die Vereinten Nationen in einem offenen Brief einen “globalen Appell an alle Kreativen” gesandt, um einen möglichen katastrophalen Verlauf der Pandemie zu verhindern.

Während die UN nach “einer Vielzahl kreativer Lösungen und Menschen mit Ambition, Einfallsreichtum und Ehrgeiz sucht, um ein breites Publikum in verschiedenen Kulturen, Altersgruppen, Zugehörigkeiten, Regionen und Sprachen zu erreichen”, streiten sich die Landesfürsten des kleingeistigen und föderalen Flickenteppichs dieser Republik um Meinungs- und Machthoheiten. Wie über 70% unserer Bevölkerung darauf kommen, dass das gutes Führungsmanagament in der Krise ist, ist mir schleierhaft – und es zeigt, dass wir in unserer Bequemlichkeit unseren Verstand und unsere Verantwortung bei allen großen und kleinen Fragen des Lebens lieber “an die da oben” abgeben, statt selbst Mitgestalter dieser freiheitlichen Gesellschaft zu sein.

Katalysator für eine bessere Zukunft.

Dennoch versuche ich zurzeit vor allem das Gute zu sehen, das sich auf dem Boden dieser Krise endlich entwickelt, und ich hoffe, dass dies langfristige Konsequenzen zum Besseren hin nach sich zieht:

Die Verschnaufpause für unseren vom Raubbau unserer Ressourcengier gebeutelten Planeten. Die Einsicht, dass wir größer denken müssen, unser Handeln Konsequenzen hat und wir bei der Wurzel anfangen sollten – Habitatschutz, Wildtierschutz, Nachhaltigkeit, achtsamer und sinnvoller Konsum, umweltschonende Produktion. Abschaffung von Massentierhaltung, Monokulturplantagen, Pestizideinsatz. Die Diskussion eines Grundeinkommens, weil wir schon lange ein Arbeitszeitalter betreten haben, welches das aktuelle System nicht mehr widerspiegelt. Ein Überdenken unseres kranken Wirtschaftssystems, das sich auf unendlichem Wachstum gründet (nach den Gesetzen der Physik schon völliger Schwachsinn), und durch entfesselten Finanzkapitalismus und Shareholder-Value nicht den Mehrwert für die Allgemeinheit fördert, sondern Profit für Wenige und Ausbeutung Vieler ermöglicht; das global die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander gehen lässt, das Völker vernichtet, Menschen unterdrückt und für himmelschreiende Ungerechtigkeit sorgt.

Endlich kommen verstärkt Ideen und Themen in der breiteren Masse zum Vorschein, die “träumerische Idealisten” wie ich schon seit Jahren sehen und verfolgen – Stakeholder-Value in Unternehmen, Purpose-Business, mehrwertorientierte Kreditvergabe, Ethik und Vernunft als Leitlinien für wirtschaftliches Handeln.

Jetzt zeigen sich die massiven Fehler und Schwachstellen unserer nationalen und globalen Systeme, akut besonders des Gesundheitssystems, kaputt gespart und einer geschäfts- statt menschenorientierten Medizin dienend, an den Rand der Handlungsfähigkeit gebracht. Übrigens nicht nur bei uns, sondern in allen Ländern dieser Welt. Die tragisch hohe Sterblichkeit in Italien lässt sich offenbar auch auf ein völlig marodes Gesundheitssystem zurückführen.

In Deutschland wird die häusliche Pflege von Senioren häufig durch Menschen aus Osteuropa geleistet. Weil wir derart wichtige Berufe so erbärmlich schlecht bezahlen und die Menschen solch miesen Arbeitsbedingungen aussetzen, dass wir einen massiven Personalnotstand haben. Nun haben diese “guten Geister” mit Schließung der Grenzen fluchtartig das Land verlassen, weil sie Gefahr liefen, nicht zu ihren Familien zurück zu können.

Ein ähnliches Drama herrscht in der Landwirtschaft, weil die Erntehelfer fehlen.

Da gewinnt der Satz Wir können uns das leisten. doch eine ganz andere Dimension.

Mir stellt sich die Frage, wieso wir es uns nicht ohne Krise leisten können, unsere sozialen und für die Gesellschaft unentbehrlichen Berufe anständig zu bezahlen, statt ständig nur auf maximalen Profit mit kleinstmöglichem Mitteleinsatz zu setzen. Wir bezahlen aktuell alle die Quittung dafür. Und wir können uns dabei selbst an die Nase fassen, denn jeder einzelne von uns trägt Verantwortung an der Mitgestaltung in diesem Land und in dieser Welt.

Neben dem Extrem der Asozialität und Un-Solidarität von Hamsterkäufen und Corona-Parties zeigt sich auch das andere Ende des Spektrums – eine schon lange nicht mehr dagewesene Hilfsbereitschaft und Ideenentwicklung, Menschen und Organisationen, die ihre Ressourcen bündeln und etwas Neues auf die Beine stellen. Sogar sanfter Hürdenabbau in unserer wahnsinnigen Bürokratie, flexibleres Denken.

All das finde ich toll, und ich muss der festen Überzeugung sein, dass der Mensch und die Gesellschaft erwachsener aus dem ganzen Irrsinn hervorgehen. Ich muss daran glauben, sonst könnte ich mich gleich aus der Gesellschaft ausklinken, in die Einöde ziehen und der Menschheit zuprosten “Macht euer’n Scheiß doch alleine!”

Dennoch bleibt für mich die Frage – war das die einzige Möglichkeit? Welche Konsequenzen hat das alles?

Wie einfach darf es für einen Staat sein, scheinbar alternativlos und ohne echte Zukunftsperspektive die Rechte seiner Bürger derart zu beschneiden und solch unabsehbare Auswirkungen für uns alle in Kauf zu nehmen? Und wieviel Verantwortung muss der Staat von seinen Bürgern erwarten können, dass sie sich nicht wie kleine unerzogene Kinder benehmen, sondern wie vernünftige Erwachsene? Noch immer finde ich es beängstigend, wie schnell und fügsam die Deutschen nach dem starken Staat geschrien haben, und sich mit der Einschränkung von wesentlichen Grundrechten einfach arrangiert haben. Wo doch auch die Möglichkeit bestand, selbstverantwortlich, sozial und dem gesunden Menschenverstand entsprechend zu handeln.

Warum ist nicht jeder einzelne von uns in der Lage, Verantwortung zu übernehmen? Nicht nur im Alltag durch mehr Hygiene und Rücksichtnahme, sondern auch im Großen beim Kauf von Ökostrom, dem Verzicht auf industriell gefertigte oder unnötig durch die Weltgeschichte gekarrten Lebensmitteln, bei der Unterstützung von regionalen Erzeugern, dem Wählen von Parteien und Führungspersönlichkeiten, die keine radikale Agenda (links wie rechts) haben? Ja, vieles davon muss man sich leisten können. Es ist die Aufgabe unserer Politik, dafür zu sorgen, dass wir uns das alle leisten können, dass wir objektiv aufgeklärt werden und verstehen, was stattfindet. Und es ist die Aufgabe jedes einzelnen, die Prioritäten richtig zu setzen. Solange ich mich jedes Wochenende dem Shoppingwahn bei Primark und Mediamarkt hingebe, kann ich auch den doppelten Preis für ein Kilo Bio-Schnitzel bezahlen.

Wenn in einer Landtagswahl ein Ministerpräsident demokratisch auch (Betonung auf auch) durch die Stimmen einer rechtsextremen AfD gewählt wird, herrscht ein berechtigter oder zumindest diskussionswürdiger Aufschrei, dass das Zustände wie vor der Machtergreifung Hitlers wären – obwohl danach ein Ministerpräsident im Amt bleibt, dessen Partei sich selbst als Nachfolgerin einer diktatorischen und menschenrechtsverachtenden SED sieht und die sich bis heute weigert, ihre DDR-Vergangenheit angemessen aufzuarbeiten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Wenn aber eine ebenso demokratisch gewählte Regierung innerhalb einer Woche unsere Grundrechte beschneidet, gibt es scheinbar keine Gegenstimme. Die Deutschen rufen nach dem starken Staat, der sie maßregelt, weil sie es selbst nicht können.

Was ist denn nur los mit uns?

Dieses Verhalten kann den Boden für noch sehr viel Schlimmeres bereiten als eine temporäre Ausgangssperre zum Wohle der allgemeinen Gesundheit. Und diese lemminghafte Tendenz, dem hinterherzuplappern, der am lautesten brüllt, ohne sich eigene Gedanken zu machen, ohne die Gegenseite anzuhören, ohne andere Meinungen in Betracht zu ziehen, zieht sich schon seit Jahren durch unsere Gesellschaft und unser Miteinander.

Wir wissen noch zu wenig über das Virus und die möglichen Gefahren, sicher ist aber wohl, dass es gefährlich genug ist, dass eine Verlangsamung der Pandemie absolut notwendig ist. Aber sind die aktuell ergriffenen Maßnahmen dazu die richtigen? Und noch viel wichtiger: was kommt danach? Wir haben die Maschine angehalten, und den kaputten Keilriemen mit einer Nylonstrumpfhose ersetzt. Wir können nicht ewig mit einer Nylonstrumpfhose weiter fröhlich durch die Gegend fahren. Was auch übrigens, wenn überhaupt, nur bei weniger komplex gestrickten alten Autos geht.

Mir scheint dieser Tage manchmal, dass unsere Regierungen selbst wie ein außer Kontrolle geratenes Immunsystem unter einer Virusinfektion reagieren, und ihren eigenen Körper angreifen, in dem Bemühen, Schaden von ihm abzuwenden. Martialische Rhetorik schadet dabei mehr, als sie hilft. Wir befinden uns nicht im Krieg. Ich glaube, das zwölfjährige Ich meiner Großmutter im ausgebombten Dresden würde dieser Aussage vehement widersprechen, wie es die meisten Europäer ihrer Generation tun dürften. Wir stehen einer gewaltigen gesellschaftlichen Aufgabe und Zerreißprobe gegenüber, ja. Aber wir haben ein Dach über dem Kopf, warmes, fließendes Wasser, Strom, Internet. Die Supermarktregale wären so voll wie immer, wenn in irrationaler Angst losrennende Hamsterer nicht eine Notreserve anlegen würden, als ob uns die Apokalypse droht – auch weil man sich tagtäglich fragt, mit welchen Überraschungen unsere Politiker über Nacht noch so um die Ecke kommen. Es fehlt nicht nur an Eigenverantwortung, sondern auch an Vertrauensbildung.

Gemeinsame Verantwortung.

Jeder Mensch, der stirbt, ist ein Verlust – aber das war auch schon vor COVID-19 so, mit tausenden Drogen- und Alkoholtoten, Grippetoten, Infektionstoten, Suiziden usw. usf., die alle Opfer einer kränkelnden Gesellschaft und einer sich ins Aus katapultierenden Menschheit sind.

Viele dieser Zahlen könnten durch die Auswirkungen der aktuellen Maßnahmen in die Höhe gehen.

Sind diese Menschen “nur” ein vertretbarer Kollateralschaden? Oder sind sie die eigentlich viel schlimmere Katastrophe? Wäre es nicht an der Zeit, unser gesamtes System nachhaltig und langfristig zu überarbeiten, mit dem gleichen Kraft- und Mittelaufwand, den wir in der akuten Krise aufzubringen im Stande sind? Dann könnten wir vielleicht sogar die schlimmsten Konsequenzen der ökologischen und damit sozialen Katastrophe, die wir über diesen Planeten und uns gebracht haben, abwenden. Und dann könnten wir auch der nächsten Viruspandemie, die mit Sicherheit kommen wird, anders begegnen.

Ich würde mir wünschen, es gäbe mehr Stimmen da draußen, die sich wenigstens diese Fragen stellen – wenn wir jetzt schon endlich mal entschleunigt zuhause sitzen und wieder unser Hirn und unser Herz zu Wort kommen lassen können. Es ist allerhöchste Zeit, dass wir gemeinsam Antworten finden.

Einordnung und Disclaimer

Photo by Ante Hamersmit on Unsplash

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