“Denk ich an Deutschland in der Nacht,
dann bin ich um den Schlaf gebracht.”
schrieb Heinrich Heine im französischen Exil,
kurz vor den 1848er Revolutionen.

Sie gingen damals unter, nicht viel ist danach geblieben, von der Freiheit.
Es brauchte nochmal Hundert Jahre, bis du dich, Deutschland,
endlich aufgemacht hast, raus aus Terror, Unterdrückung, Kontrolle, Wahn.
Erst auf dem Papier, aber ein Anfang immerhin.
Hattest ein paar gold’ne Jahre.
Aber leider hast du sie vergessen, die, die dafür ihr Leben ließen.

Denn Deutschland, deinen widerständigen Helden
hast du schon immer
nur widerwillig Denkmäler gebaut. 

Heute steh’ ich hier und denke, in der schwarzen Nacht
deiner Tage – Adieu, Deutschland. Du bist nicht mehr mein Land.
Und trage mein schönstes, schwarzes Revolutions-Trauer-Gewand.

Habe immer schon mit dir gehadert. Zu stumpf. Zu klein. Zu grau
deine Gemüter und Mauern in den Köpfen.
Dabei bist du doch eigentlich so schön. 

Ich war lange weg. Wollte nie zurück. Doch ich kam wieder.
Ich hatte dich wieder liebgewonnen, vielleicht zum ersten Mal.
Hab ein Nest mir eingerichtet.Ich hatte keine Wahl.

Ich zahle meine Steuern, versuche mir was aufzubauen.
Stehe jeden Morgen auf dafür, dass diese Welt eine bessere wird, eine gesündere, eine liebevollere.
Für uns alle. Auch für dich.

Und nun – an einem Tag im März, in einem Jahr mit zwei Zweien und zwei Nullen,
da wachte ich auf und stellte fest – wir beide, wir wollen nicht dasselbe.
Du und ich, wir passen nicht zusammen. 

Und unter Trauertränen stell’ ich fest – du bist nicht mehr mein Land.

Jetzt lieg’ ich hier am Boden, neben deinem Grab,
das du dir geschaufelt hast,
auf dem Schlachtfeld dieser Tage,
in meinem schwarzen Trauerkleid,
blicke in den Himmel und beobachte die Wolken. 

Sie zieh’n da oben, über sturmverhang’nes Firmament.
Gleichgültig, was hier unten passiert, so scheint’s.

Ich seh’ sie ziehen, neben deinem Grab
und denke, du bist nicht mehr mein Land.

Dein Volk – wie früher schon ein Volk von Mitläufern.
Wer heute seine Nachbarn denunziert,
weil sie zu dritt und nicht zu zwei’n im Garten sitzen,
wer im Supermarkt junge Frauen bei der Security diffamiert,
weil sie wegen Asthma keinen Mundschutz tragen,
wer freiheitsliebende, friedliche Demonstranten undifferenziert
als Extremisten und schlimmeres beschimpft – 

der hätte vor 85 Jahren auch seine jüdischen Mitbürger den Nazis ausgeliefert,
der hätte seine Freunde als Volksverräter beschimpft,
der hätte vor 40 Jahren noch seine Nachbarn an die Stasi verraten. 

Es wurde schon immer fleißig mitmarschiert in deinen Reihen.
Hast du nichts dazu gelernt?

Deine Rechten, deine Schlechten – sie standen noch nie auf deiner Seite,
trotzdem bändelst du mit ihnen an, warum?
Weil du eigentlich nur Liebe suchst?
Du lässt sie uns benutzen, statt uns zu beschützen, die, die wirklich mit dir steh’n.

Deine Regierung – ein korrupter Abklatsch im Kostüm der Demokraten.
Feige Autokraten, die glauben mit Kontrolle behalten sie die Oberhand.
Mitläufer ohne Anstand, entweder blind und faul,
oder gekauft vom großen Kapital,
erzählen sie das Märchen vom ew’gen Wachstum,
preisen des Kaisers neue Kleider,
dabei seh’n wir alle seinen nackten Schwanz.
Schwache, ohne Haltung, ohne Anstand, befehl’n sie uns den Abstand,
dabei sehnen sie sich nur nach uns’rer liebevollen Hand.

Seit Wochen kämpfe ich für deine, uns’re Freiheit.
So langsam glaube ich, du hast sie nicht verdient. 

Du hast uns alle verraten.
Und ich komme mir selbst wie ein Verräter vor,
in meiner Entmutigung, in meinem Schmerz,
liegend auf dem Schlachtfeld uns’rer Träume,
meiner sicher geglaubten Wahrheiten – alles Lüge, alles Trug, alles nur Fassade.  

Ich glaub’, ich werde dich verlassen. Denn so war das nicht ausgemacht.
Denn so, so bist du nicht mein Land.
Du hast mich und deine and’ren freien Kinder längst verlassen.
Oder? 

Ich stehe hier, und weiß nicht
ob wir nur eine Beziehungskrise haben
oder ich die Scheidung will. 

Bist du noch mein Land?

“Denk ich an Deutschland in der Nacht,
dann bin ich um den Schlaf gebracht.”

Wieder sperrst du Menschen weg, weil dir ihre Meinung nicht gefällt,
wieder nimmst du ihnen ihre Freiheit, nimmst ihnen ihr Leben weg,
und sagst du wölltest nur ihr Bestes.

Wieder grenzt du Menschen aus,
wieder machst du es dir leicht, mit Bequemlichkeit, Gleichgültigkeit und Ignoranz.
Wieder gehst du einfach deinem Leben nach, während um dich ‘rum alles zerbricht.
Versteckst dich wieder hinter deiner Angst.

Du bist nicht solidarisch, wenn du Masken nähst.
Jeder Stich ein Spatenhieb ins Grab, dass du dir selber schaufelst.
Du bist nicht solidarisch, wenn du den Heuchlern in Berlin,
hinter ihren Zäunen und in ihren schwarzen Limousinen,
Beifall klatscht. Sie sind die wahren Verschwörer, und du stehst mit ihnen,
uns drängst du an den Rand?

Du solltest mit uns auf der Straße steh’n, die Hände auf uns’ren Schultern,
dich schützend vor uns stellen, vor die, die in Frieden und mutiger Liebe dich verteidigen,
gegen Rechte, gegen Demagogen, gegen schlechte Krisenmanager,
gegen Lügner, Schwindler, machtgeile Feige,
gegen die, die uns verkaufen, seit Jahrzehnten schon.

Ich könnte verzweifeln manchmal mit dir,
wenn du einem Selfie ohne Text von mir
50 Herzen schenkst,
doch wenn ich über Freiheit schreibe,
sind’s nur drei.
Was ist nur los mit dir?

Nun lieg ich hier, in meinem schwarzen Trauergewand,
blicke in den grauen Himmel,
seh’ die Wolken zieh’n,
hadere mit mir, was soll ich machen?
Gehen, bleiben, kämpfen?

“Eine andere Welt ist möglich” steht auf einer Häuserwand. 

Die letzten Jahre hab ich gedacht – warum bin ich hier?
Ich wollte doch nie zurück zu dir.
Doch nun bin ich hier.
Die letzten Wochen dachte ich, vielleicht,
weil du mich brauchst. 

Und dann denke ich an meine Schwestern, Brüder,
die, die mit mir hier steh’n,
die, die neben mir liegen, im tränengetränkten Gras,
an die, die vor mir gingen, und die, die nach mir immernoch sein werden. 

Und ich atme tief ein. Knie’ mich hin, richte mich auf.
Kratz’ mein letztes bisschen Liebe für dich zusammen.
Kehr’ deinem Grab den Rücken zu.
Blicke nach vorne, stehe auf.
Vielleicht noch nicht. Vielleicht nicht heute.

Ich blicke in den Himmel, seh’ den Wolken hinterher,
wie sie über den Himmel stürmen.
Und ich flüstere, mehr zu mir selber,
nur ein Wort, leise kommt es über meine Lippen

 – Freiheit. 

 

Photo by Vijendra Singh on Unsplash

Author

Fighter for Freedom. Spiritual Seeker. Creator & Founder of FREE YOUR WORK. Business & Purpose Coach for meaningful work and wholehearted businesses. Outdoor Addict - nature is my home and happy place. Wild at heart and weird on top.